Bussi für Ebby

Ebby Thust
Ebby Thust

Samstag, 17 Uhr. Ebby Thust lässt sich in der Lobby des Parkhotels in einen Sessel fallen. Der 63-Jährige schwitzt, als habe er gerade einen Zwölf-Runden-Kampf hinter sich. Er gießt sich ein Glas voll und leert es auf ex – Mineralwasser.

„Von der Überholspur bin ich schon lange runter“, sagt er. Die hatte ihn vom Frankfurter Rotlichtmilieu an die großen Spieltische und Boxringe von Las Vegas geführt, aber auch für eine Weile in den Knast. Die Erpressungs-Affäre um Tennis-Vater Peter Graf.

Doch die ist lange her. Heute ist Hattersheimer Boxnacht und Thust der „Matchmaker“ – also derjenige, der die Kampf-Paarungen zusammenstellt. „Ein junger Kerl kann das nicht machen“, sagt er selbstbewusst. „Dafür braucht man weltweite Beziehungen.“

Eine blonde Frau kommt auf ihn zu. Bussi Bussi. Axel Schulz schlendert fröhlich winkend vorbei. Thust genießt es, im Mittelpunkt zu stehen. Auch deshalb kommt er, der inzwischen als Privatier auf Mallorca lebt, jedes Jahr nach Hattersheim.

Und natürlich, um seinen alten Kumpel Hagen „Hako“ Sevecke zu unterstützen. Der, im bürgerlichen Beruf Bordellbetreiber, hatte den Kampfabend vor zehn Jahren ins Leben gerufen, um mit dem Erlös die Fußballjugend in seinem Wohnort Eddersheim zu unterstützen.

„Wir machen unsere Arbeit komplett kostenlos“, sagt Ebby Thust. Und freut sich, dass die Karl-Eckel-Halle mit 1200 Zuschauern wieder ausverkauft ist. „Aber wir bieten ja auch Preise wie vor 20 Jahren.“ 14 Euro kostet das Tribünenticket, ab 18 Euro gibt es Karten für den Innenraum. Jahr für Jahr bringt die Hattersheimer Boxnacht so ein Publikum zusammen, wie es bunter kaum sein kann: Da sitzt die solariumgebräunte Milieu-Größe direkt neben dem Hattersheimer Rentner im beigen Blouson – und Bürgermeisterin Antje Köster in der gleichen Reihe wie eine Wasserstoff-Blondine mit gemeingefährlichen Stöckelschuhen.

Für Promi-Glamour sorgte am Samstag vor allem der Fast-Schwergewichts-Weltmeister Axel Schulz. Obwohl seine aktive Zeit schon lange vorbei ist, wollte sich gefühlt jeder zweite Besucher mit ihm zusammen fotografieren lassen. Für die kurioseste Szene sorgte dabei Weltergewichts-Boxerin Sarah Hübner. Kaum war sie nach ihrer Niederlage gegen Jessica Balogun aus dem Ring geklettert, trat sie schon auf Schulz zu und bat ihn vor der johlenden Halle um ein gemeinsames Bild.

Sportlich bot der Abend bestenfalls Mittelmaß. Was vor allem daran lag, dass Matchmaker Ebby Thust den beiden hoffnungsvollen Nachwuchsboxern David Graf und Dennis Ronert keine adäquaten Gegner zur Seite gestellt hatte.

Graf prügelte so heftig auf den körperlich deutlich unterlegenen Aliaksandr Bak ein, dass aus dessen Ecke schon in der zweiten Runde das Handtuch flog. Und der vermeintliche Hauptkampf des erst 18 Jahre alten Ronert gegen Toni Thess um die Deutsche Meisterschaft im Cruisergewicht geriet vollends zum Debakel: Nach mehreren Kickbox-Einlagen wurde der völlig übermotivierte Thess vom Ringrichter aus dem Kampf genommen.

Erfolge feiern konnten die Lokalmatadoren. Boris Estenfelder aus Kelkheim gewann seinen vierten Schwergewichtskampf und der Rapper Vito Vendetta lieferte sich mit Thomas Freitag aus Berlin das packendste Duell des Abends. Über Vendettas Punktsieg freute sich Ebby Thust besonders: „Der ist wie ich in Sossenheim geboren.“

Frankfurter Rundschau 10. Oktober 2011