Aschersleben statt THW Kiel

Das gemeinsame Ziel war die erste Handball-Bundesliga. Doch jetzt gehen TSG Münster und SG Wallau wieder getrennte Wege - in der dritten und vierten Spielklasse.

Der Traum ist geplatzt. Die HSG/Frankfurt Rhein-Main ist Geschichte. Unter diesem Namen hatten die beiden damaligen Handball-Zweitligisten TSG Münster und SG Wallau vor zwei Jahren ihre Mannschaften zusammengeführt – mit dem Ziel, ganz oben anzugreifen.

Spiele in der 5000 Zuschauer fassenden Ballsporthalle, eine spielstarke Truppe um die beiden Ex-Nationalspieler Jan-Olaf Immel und Steffen Weber, potente Sponsoren aus der Metropole Frankfurt – so sollte die HSG an die großen Zeiten der SG Wallau-Massenheim anknüpfen und der Rhein-Main-Region wieder Spitzenhandball bieten.

Das war die Vision der beiden Geschäftsführer Jörg Ströhmann und Peter Schreiber. Die Realität kurz vor Beginn der Saison 2011/12 jedoch lautet: Aschersleben statt THW Kiel und Nieder-Roden statt HSV Hamburg.

Nach dem Abstieg der HSG gehen die Teams der TSG Münster und der SG Wallau wieder getrennte Wege. Die Münsterer haben die Lizenz der HSG in der drittklassigen Regionalliga Ost übernommen. Die SG Wallau tritt mit ihrer ehemals zweiten Mannschaft sogar noch eine Klasse tiefer in der Oberliga Hessen an.

Beide setzen – auch der finanziellen Not gehorchend – konsequent auf die eigene Jugend. Und wollen daraus eine Tugend machen. „In unserem Kader stehen 14 Spieler aus dem eigenen Verein“, sagt SG-Sprecher Armin Luft. „Das dürfte deutschlandweit einmalig sein.“

Da wollen sich die Verantwortlichen aus dem Kelkheimer Stadtteil Münster nicht lumpen lassen: „Zwölf unserer Spieler habe ich selbst als Jugendtrainer ausgebildet“, sagt TSG-Coach Konrad Bansa, der in der vergangenen Saison die HSG trainiert hatte. Und der Altersschnitt in Münster mit knapp über 21 Jahren ist tatsächlich rekordverdächtig.

„Es wird wieder eng und kuschelig“, sagt Bansa mit Blick auf die Heimspiele, die die TSG wieder in die Münsterer Eichendorffhalle austrägt. Und er hofft: „Die Münsterer Zuschauer müssen wieder zurückkehren.“ Denn die hatten sich nicht nur wegen des sportlichen Misserfolgs rar gemacht, sondern auch, weil einigen der Weg in die Kreissporthalle Kriftel, den Spielort der HSG, zu mühsam war.

Noch weniger Rückhalt hatte das ambitionierte Projekt in Wallau. „Der harte Kern ist in der Ländcheshalle geblieben“, sagt Armin Luft. Im „Wallauer „Wohnzimmer“ gab es zwar nur Oberliga-Handball statt Zweiter Bundesliga, doch das war vielen lieber, als den inzwischen ungeliebten Ex-Wallauern Immel und Weber im Trikot der HSG zusehen zu müssen.

Als Ziel für die kommende Saison gibt die SG Wallau einen Platz in den oberen Regionen aus. Vom Aufstieg möchte Armin Luft nicht reden, auch wenn die Mannschaft die vergangene Saison immerhin auf Rang zwei abgeschlossen hat.

Die TSG Münster startet in ein echtes Abenteuer. Die Regionalliga Ost bringt lange Reisen mit sich, etwa nach Leipzig und Dessau. „Wir sind leider noch mehr unterwegs als in der Zweiten Liga“, hat Konrad Bansa ausgerechnet. Was den sportlichen Erfolg angeht, wollen die Verantwortlichen ihre blutjunge Truppe nicht unter Druck setzen. „Wir werden wohl eher nach hinten als nach vorne gucken müssen“, sagt TSG-Sprecher Andreas Jacobi. Daniel Wernig kehrt zwar aus der 1. Liga von der DHC Rheinland zurück und ist damit der prominenteste Münsterer Spieler. „Doch er hat jetzt eine ganz neue Rolle“, sagt Trainer Bansa. Selbst nur 23 Jahre alt, soll Wernig seine noch jüngeren Kollegen führen – außerdem wechselt er von der Rechtsaußenposition in den Rückraum.

Konrad Bansa bittet die Münsterer Fans schon einmal vorsorglich um „Geduld“. Denn zu allem Überfluss haben sich in der Vorbereitung auch noch mehrere wichtige Spieler verletzt. Und Nachverpflichtungen sind bei einem Etat von 150000 Euro nicht drin. Zum Vergleich: Im ersten HSG-Jahr betrug das Budget 800000 Euro.

Auch in Wallau sitzt das Geld nicht mehr locker – die Insolvenz 2005 steckt den Verantwortlichen noch in den Knochen. „Wir wollen mit wenig Mitteln ein maximales Ergebnis erzielen“, sagt Armin Luft. Genaue Zahlen bietet er nicht – aber dafür einen guten Spruch: „Kleine Brötchen können auch gut schmecken.“

Frankfurter Rundschau 2.9.2011