80 Jahre Kino-Kultur

Seit 80 Jahren betreibt die Familie Hirsch ihr Kino in der Kronberger Altstadt. Helmut Hirsch möchte die Familientradition fortsetzen, doch die anstehende Digitalisierung bereitet ihm Kopfschmerzen.

Das Kronberger Publikum ist anders. Und das meint Roswitha Hirsch keineswegs böse. Im Gegenteil. "Bei uns geht vor allem die bessere Ware", sagt die Kinobetreiberin, die die "Kronerger Lichtspiele" in der Friedrich-Ebert-Straße gemeinsam mit ihrem Mann Werner führt. So konnte sie in der Startwoche des Bundesfilmpreisgewinners "Das Leben der anderen" nie weniger als 100 Zuschauer begrüßen. Dafür laufen manche Hollywood-Blockbuster in Kronberg vor leeren Reihen.

Indem sie sich auf den "besonderen Film" konzentrieren, haben die Hirschs in der Konkurrenz mit dem scheinbar übermächtigen Kinopolis im Main-Taunus-Zentrum ihre Nische gefunden, die nicht nur Einheimische zu schätzen wissen. Matteo Dennstädt etwa kommt regelmäßig mit seinen Eltern aus der Nachbarstadt Oberursel, um in Kronberg ins Kino zu gehen. "Es ist schöner als das Kinopolis. Außerdem läuft nicht so viel Werbung", lobt der Siebenjährige. Und seine Mutter Jutta ergänzt: "Woanders wird das Kino als Massenware behandelt. Hier herrscht noch so etwas wie Theateratmosphäre."

Dass es die "Kronberger Lichtspiele" mit ihren 199 grünen Plüschsesseln heute noch gibt, ist der Hartnäckigkeit von Werner und Roswitha Hirsch zu verdanken. "Unsere Schwiegereltern wollten das Kino schon 1976 zumachen. Doch mein Mann hat gesagt: Das gibt es nicht", erzählt Roswitha Hirsch. Stattdessen bauten die beiden den kompletten Saal um und installierten moderne Projektions- und Tontechnik.

Das Publikum honorierte die Investition und strömte wieder zahlreicher in die "Lichtspiele". Bis 1995, einem Jahr, in dem sich die Kinobetreiber selbst in einen ganz schlechten Film versetzt fühlten: Zunächst sorgte die Eröffnung des Kinopolis für einen Umsatzeinbruch von fast 50 Prozent. Und zu allem Überfluss brach nur vier Wochen später im Keller des Schützenhofes, zu dem der Kinosaal gehört, ein Feuer aus. Der Rauch zerstörte fast die komplette Inneneinrichtung. "Das sah schlimm aus", erinnert sich Roswithas Sohn Helmut.

Doch die "Lichtspiele" erholten sich auch von diesem Rückschlag. Werner und Roswitha Hirsch renovierten den Saal ein weiteres Mal und konnten auch den ein oder anderen Zuschauer zurückgewinnen. Derzeit kommen an Wochentagen 50 Zuschauer pro Vorstellung, an Wochenenden rund 100. Das Krisenjahr des deutschen Kinos im vergangenen Jahr ging an den "Lichtspielen" sogar fast spurlos vorbei. "Das hat vor allem die großen Ketten betroffen", sagt Helmut Hirsch, "die machen sich selbst Konkurrenz."

Der 49-Jährige plant, das Kino weiterzuführen, wenn sich seine Eltern in den nächsten Jahren aus dem Geschäft zurückziehen. Ihn hatte noch Uropa Fritz mit seiner Filmbegeisterung angesteckt. "Ich kann mich noch erinnern, dass wir zusammen 'Winnetou' gesehen haben", erzählt Helmut Hirsch. Damals hatte die Familie sogar noch ein zweites Kino, das "Regina Park Theater" am früheren Frankfurter Hof. Wegen der Kino-Krise in den 60er und 70er Jahren mussten die Hirschs es allerdings 1972 schließen.

Doch bei aller Familientradition und Kino-Begeisterung - seinen Hauptberuf als Mess- und Regeltechniker will Helmut Hirsch nicht drangeben, sondern die "Lichtspiele" im Nebenerwerb führen. "Denn Reichtümer kann man mit einem Kino nicht anhäufen."

Zudem sei derzeit noch offen, wie es in der Kinobranche weitergehe. So kündigen die Verleiher schon seit Jahren eine Umstellung auf digitale Projektion an. Wie dies konkret funktionieren soll, sei aber noch nicht ganz klar, sagt Helmut Hirsch. Auch nicht, wie viel er in die neue Technik investieren müsste. Es stehe eine Zahl von 100.000 Euro im Raum, sagt Mutter Roswitha. Und ihr Sohn ergänzt nachdenklich: "Wenn das Ganze zu teuer wird, müsste ich es mir noch einmal überlegen." Kronberg und sein anderes Publikum würden dann endgültig ihr letztes Kino verlieren.

Frankfurter Rundschau 10.8.2006