Temmen siegt in Kronberg

Jubel bei Klaus Temmen: Der Ur-Kronberger wird neuer Bürgermeister seiner Heimatstadt. Die CDU dagegen steht vor einem Scherbenhaufen - und muss sich wegen einer kompromittierenden Umfrage im Lokalblättchen rechtfertigen.

Am Tag danach ist nicht etwa das Ergebnis der Bürgermeisterwahl das zentrale Thema in der Kronberger Politik. Nein, immer noch geht es vor allem um die umstrittene Umfrage, mit der CDU-Schatzmeister Hans-Peter Luippold den parteilosen Kandidaten Temmen auf den letzten Wahlkampfmetern in ein schlechtes Licht rücken wollte.

Wie am Freitag bekannt geworden war, hatte Luippold im "Kronberger Boten" anonym eine Anzeige mit einer Wählerumfrage veröffentlicht, die Oliver Schwebel als Favoriten der Kronberger Bürger auswies. Allerdings hatten daran lediglich 75 Menschen teilgenommen. Zudem hatten die Fragestellerinnen mit Suggestivfragen gearbeitet. "Das hat uns das Genick gebrochen", räumte CDU-Kandidat Oliver Schwebel mit leicht belegter Stimme ein. Er habe von der Aktion nichts gewusst, betonte der 38-Jährige gestern noch einmal, der sich nun politisch wieder auf seine Mandate in Kriftel und im Kreistag des Main-Taunus-Kreises konzentrieren wird.

Mit 45,5 Prozent der Stimmen musste Schwebel sich dem SPD-nahen Klaus Temmen (54,5 Prozent) geschlagen geben. Wie die Burgstadt-CDU mit dem Wahlergebnis und der Umfrage-Affäre umgehen wird, blieb gestern noch unklar. Bei einer Sitzung des Parteivorstandes am Mittwoch werde man das besprechen, kündigte der Parteivorsitzende Stephan Ruegg an. Anschließend dürfte zumindest Hans-Peter Luippold nicht mehr Schatzmeister der Christdemokraten sein. "Darauf könnte es hinauslaufen", so Ruegg. Aber zunächst wolle er von Luippold, der das Amt erst seit einem halben Jahr bekleidet, selbst wissen, "was da passiert ist". Immerhin gab Ruegg zu, dass Luippold einmal etwas von einer Anzeige mit Wählerumfrage angedeutet habe. "Etwas Genaueres haben wir aber nicht gewusst", betonte Ruegg. Beide gehörten dem offiziellen Wahlkampfteam Schwebels an.

Ruegg selbst denkt trotz der Wahlschlappe nicht an Rücktritt. "Ich bin noch für anderthalb Jahre gewählt. Und die will ich auch erfüllen", kündigt er an. Allerdings sei nun auch Selbstkritik angesagt. Ein großer Fehler, so Ruegg, sei "der Rausschmiss von Frau Esen-Baur" gewesen, der zur Gründung der Wahlergemeinschaft KfB geführt hatte. Außerdem habe die CDU den Stadtteil Oberhöchstadt zu sehr vernachlässigt.

Klaus Temmen forderte gestern eine "lückenlose Aufklärung" der Umfrage- Affäre in der CDU. Allerdings gab er sich auch versöhnlich: "Ich werde mit allen, die nichts damit zu tun hatten, gut zusammenarbeiten."Ob er - wie angekündigt - gegen den Initiator der Umfrage klagen wird, will der neue Rathauschef noch mit seinem Anwalt klären. Ohnehin wollte Klaus Temmen sich gestern nicht ärgern. "Das ist ein unvergessliches Erlebnis", schwärmte er von seinem Wahlsieg, den er mit 500 Sympathisanten im Haus Altkönig gefeiert hatte. Seinen Erfolg führte der Lokalmatador neben dem guten Wahlkampf auf seine Bekanntheit zurück. Und er ist sich sicher: "Ich hätte auch ohne die Geschichte mit der Umfrage gewonnen."

Frankfurter Rundschau 3.6.2008

Lesen Sie auch:
Kommentar: CDU versagt erneut