"Ärzte"-Visite in Kelkheim

Das hat Kelkheim noch nicht erlebt: 12.000 Menschen kommen aufs Schwimmbadgelände, um die Spaßpunker "Die Ärzte" zu sehen. Die lassen sich nicht lumpen. Und auch vor der Bühne ist einiges geboten.

15.15 Parkplatz Im Stückes. Noch ist die Stimmung gelöst. Feuerwehrleute in Orange warten gemeinsam mit dem Fahrer des Shuttle-Busses auf die ersten „Ärzte“-Fans. Großeltern lassen mit ihrem Enkel einen Drachen steigen. Endlich: Die ersten Fahrzeuge treffen ein. Kennzeichen: FT, BT, SI. Als die Neuankömmlinge den Bus sehen, halten sie kurz inne, entscheiden dann aber: „Och, wir laufen lieber“. Der Drachen wird von einer Windböe erfasst, dreht mehrere Kringel, steigt dann wieder auf.

16.30 Vor dem Eingang. „16 Uhr Einlass“ steht auf den Karten. Einige lesen noch einmal nach. Obwohl einige Girlies T-shirts mit der Aufschrift „Punk is not dead“ tragen, herrscht eine erstaunliche Disziplin. „Wann geht’s denn endlich los?“ quengeln Carina und David (beide 10) aus Kelkheim bzw. Hofheim. Sie sind zum ersten Mal auf einem Konzert - begleitet von ihren Eltern Axel (38, Vater von Carina) und Birgit (32, Vater von David), langjährige „Ärzte“-Fans, die zu ihrer großen Freude die eigene Begeisterung auf ihre Sprösslinge übertragen konnten. „Das ist immer so bei Konzerten. Da ist es Kult, zu warten“, belehrt Birgit die Kinder, nicht ohne sarkastischen Unterton. So bleibt immerhin Zeit, in Erinnerungen zu schwelgen. Axel erzählt von seiner ersten – virtuellen – Begegnung mit den Ärzten. Über die Jugend-Sendung „Moskito“ Anfang der 80er. Und davon, dass es inzwischen sogar persönlichen Kontakt gibt – durch Hagen Runge, den Ex-Bassisten der Band. Eine gute Freundin seiner Frau ist mit diesem verheiratet ... Plötzlich Bewegung. Das Tor ist offen.

17.30 Sit-in vor der Bühne. Ganz vorne an den Absperrgittern: Sylwia (17), Tina (18) sowie Stefanie und Eva (beide 21) aus Siegen, Mitglieder im „Ärzte“-Fanclub. Über 150 Kilometer sind sie gefahren – „Und wir haben es gleich gefunden!“ Wenig schmeichelhaft ihr Schnell-Urteil über Kelkheim: „Kuh-Kaff“. Auch sie sind ihren Idolen schon nahe gekommen, besonders Sylwia. Die Rückseite ihrer Jeans zieren die Autogramme von Bela und Farin.

18.00 Die erste Vorgruppe. Ska, schnelle Rhythmen, Stakkato-Gesang. Dazu der erste große Regenschauer. Ein junger Besucher hat sich offensichtlich beim Alkoholgenuss deutlich übernommen und übergibt sich neben den Verkaufsstand mit den „Ärzte“-Merchandising-Artikeln. Passend dazu das Lied der Vorgruppe: „Jeder so, wie er kann.“

19.30 Sabine und Petra (beide 30) aus Flörsheim erläutern Michael (60!) aus Oberursel die Regularien an den Ess-Ständen. Er hatte sich ohne Essensmarke in die Schlange vor einem der Wurst-Stände gestellt, muss nun erst einmal an die Bon-Kasse. Ein Freund, so erzählt er, hat ihm die Karte zum Geburtstag geschenkt. Den frühen Ärzte-Hit „Zu spät“ kennt der „Jazz-Fanatiker“ (Eigeneinschätzung), doch dann ist auch schon Schluss. Der Freund trifft ein, beide machen sich auf in Richtung Bühne.

20.00 „Die beste Band der Welt“ (Bühnenaufschrift) legt los. „Schrei nach Liebe“ (das „Arschloch“-Lied), dann übergangslos: „Wir sind wieder da.“ Jubel. Arme in der Luft. Pogo vor der Bühne. Bela begrüßt das Publikum: „Ihr seid ja alle nass – liegt das an uns oder am Wetter?“ Dann eine kleine Hommage an die „Ramones“ („I wanna be sedated“) und daran anschließend der Pädagogen-Schocker „Immer mitten in die Fresse rein“.

21.00 Eine Scorpions-Parodie der „Ärzte“geht nach hinten los – das Publikum singt begeistert mit. Farin: „Ja, wo sind wir denn hier?!“ Das Thema „Scorpions“ lässt sie bis zum Ende des Konzerts nicht mehr los.

21.45 Die „Ärzte“ sagen zum ersten Mal „Tschüs“, kommen aber umgehend wieder und spielen anschließend noch eine Stunde lang Zugaben. Beim Schluss-Song „Westerland“ ist die Stimmung auf dem Höhepunkt.

0.00 Eledil. Das Konzert ist Hauptthema der Gespräche. Nichtrepräsentatives Urteil: „Geil.“ Ein Bekannter, der seine Heimatstadt ansonsten ähnlich einschätzt wie die vier Mädchen aus Siegen, lässt sich gar zu dem Bekenntnis hinreißen: „Kelkheim ist doch schön!“

Höchster Kreisblatt 20.6.2001