Tante Emma muss Discounter weichen

Seit 82 Jahren gibt es das Geschäft "Meisinger" in Stierstadt. Doch jetzt muss das Ehepaar Hergenhan den Tante-Emma-Laden schweren Herzens schließen. Die Billig-Konkurrenz ist zu stark.

Heinz Ried hat die letzte Tafel Schokolade erwischt. Ritter Sport - quadratisch, praktisch, gut. Doch wirklich freuen kann er sich darüber nicht. Der 59-Jährige ist - oder besser: war - Stammkunde im Geschäft der Hergenhans. Oft hat er den Laden sogar mehrmals am Tag betreten, um Brötchen, Wurst oder die Zeitung zu kaufen. Oder einfach nur zu reden. "Man erfährt, was im Ort los ist" , sagt er und packt noch eine kleine Wasserflasche ein. "Schade, dass es jetzt vorbei ist."

82 Jahre war das Geschäft in der Gartenstraße eine Institution in Stierstadt. "Ich habe schon als Kind hier eingekauft", erzählt Anja Klein. "Das Schöne war die familiäre Atmosphäre", sagt die junge Frau. "Aber ich kann die Hergenhans verstehen."

Die haben ihr Geschäft gestern Abend geschlossen. Für immer. Grund ist der Discounter "Plus", der am Donnerstag eine Filiale am Ortsrand eröffnet. Mit mehr als 700 Quadratmetern Ladenfläche gegen die 55 der Hergenhans. Und das in nur 150 Meter Entfernung. Ein vergeblicher Kampf, wie das Ehepaar findet. "Die Leute rennen dann alle dort hin. Wir hätten nichts mehr verkauft", sagt Felix Hergenhan. Mit den günstigeren Preisen hätten sie mit ihrem Tante-Emma- Laden, der keiner Einzelhandels-Kette angeschlossen war, nicht mithalten können.

Wenn Plus kommt, dann schließen wir - so hatte es sich das Ehepaar schon vor einem Jahr vorgenommen. "Wir wollten die Leute im Ort noch so lange beliefern", sagt Gisela Hergenhan. Dennoch: Dass sie sich in den vergangenen Tagen von ihren Stammkunden verabschieden mussten, geht beiden sehr nahe. "Ich fühle mich beschissen", gibt Felix Hergenhan unumwunden zu. Obwohl er schon 69 Jahre alt ist, hätte er gern noch weitergemacht. Zudem hatte Tochter Dagmar Interesse bekundet, das Unternehmen weiterzuführen.

Ohne die Konkurrenz durch den "Plus" -Markt hätte das Geschäft sich weiterhin getragen, ist Felix Hergenhan sicher. "Der Umsatz war in Ordnung." Und die Kosten hielten sich in Grenzen, da das Ladengebäude sich in Familieneigentum befindet. 1925 hatte Heinrich Meisinger, der Großvater von Gisela Hergenhan, das Geschäft eröffnet. Noch heute steht der Name "Meisinger" über dem Schaufenster in der Gartenstraße. "Er ist mit dem Pferdewagen bis nach Usingen gefahren, um die Kunden zu bedienen" , berichtet die Enkelin.

Diesen Service hatten auch die Hergenhans aufrecht erhalten, als sie 1964 den Laden übernahmen, allerdings ohne Pferdefuhrwerk. " Ältere Menschen, die nicht mehr so beweglich sind, haben wir unentgeltlich beliefert", sagt Gisela Hergenhan. Das werde der Discounter wohl nicht machen, vermutet das Ehepaar.

Frankfurter Rundschau 1.8.2007