Jud Süß als Zuschauermagnet

Ferdinand Marian (l.) und Heinrich George
Ferdinand Marian (l.) und Heinrich George (Murnau-Stiftung)

Die Murnau-Stiftung in Wiesbaden hütet den Giftschrank mit verbotenen NS-Filmen. Für eine kleine Reihe zur Filmpropaganda hat sie ihn jetzt geöffnet. Die Vorführung von "Jud Süß" sorgt für Schlangen an der Kasse und eine Diskussion über den Sinn von Film-Verboten.

Mehr als 1500 Wiesbadener Juden wurden in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet. Für die meisten begann die Fahrt in den Tod an der Schlachthoframpe hinter dem Hauptbahnhof. Wie konnte es so weit kommen? Was ging damals in den Köpfen der Täter und Mitläufer vor?

Eine Ahnung davon konnte man jetzt nur wenige Meter von der Stätte der Deportation entfernt bekommen. Im Deutschen Filmhaus  präsentierte die Murnau-Stiftung erstmals in Wiesbaden den wohl berüchtigtsten Streifen der deutschen Kinogeschichte: „Jud Süß“ von Veit Harlan.

Dass der auch 70 Jahre nach seiner Premiere noch die Gemüter bewegt, zeigte der überwältigende Andrang. Verlieren sich sonst oft nur eine Handvoll Cineasten im 100 Zuschauer fassenden Saal des Murnau-Filmtheaters, war er diesmal bis zum letzten Platz gefüllt – einige Interessenten mussten sogar unverrichteter Dinge wieder heimgehen.

„Lassen Sie sich bitte emotional auf die Handlung ein. Und schalten sie für knapp zwei Stunden ihr kritisches Bewusstsein aus“, empfahl der Leiter des Instituts für Kino und Filmkultur, Horst Walther, vor Beginn der Vorführung. Denn nur so könne man begreifen, wie „Jud Süß“ bei seiner Premiere funktioniert habe. Ingesamt sollen den Film damals 20 Millionen Menschen gesehen haben. Zum Vergleich: Der seit dem Krieg erfolgreichste Film in den deutschen Kinos, „Titanic“, hatte 18 Millionen Zuschauer.

„Jud Süß“ erzählt die Geschichte des Bankiers Süß Oppenheimer - allerdings ganz im Sinne der Nazi-Ideologie. Süß finanziert dem Herzog von Württemberg dessen ausschweifendes Leben und macht sich für ihn unentbehrlich. Das nutzt Süß dazu, das Volk auszubeuten und sich an einem braven schwäbischen Mädel zu vergehen. Nach dem Tod des Herzogs kommt es zum Aufstand, und Oppenheimer wird gehenkt.

„Entscheidend ist, dass der Film als Unterhaltungsfilm funktioniert“, erläuterte Walther, und eben kein platter Hetzstreifen sei. Hervorragend besetzt, mit prächtiger Ausstattung und auch ein wenig nackter Haut verbreitet er weitgehend subtil seine Botschaft – die zum Schluss allerdings auch plakativ verkündet wird: „Passt auf eure Juden auf!“ Dass eine solche Form der Propaganda nicht von vorgestern ist, belegte Walther anhand der US-Serie „24“: „Ein Werbefilm für die Folter“.

Doch muss deshalb ein Streifen wie „Jud Süß“ weiterhin verboten bleiben? Die Besucher waren geteilter Meinung. Ein etwa 60 Jahre alter Mann, der sich in der ersten Reihe platziert hatte, forderte: „Zu so einem Film muss es immer eine Einordnung geben. Viele Jugendliche wissen kaum etwas über die damalige Zeit.“ Anderer Ansicht war ein Zuschauer um die 40. Er rief Horst Walther zu: „Haben Sie mehr Mut! Jud Süß gehört heute nicht mehr in die Kategorie Vorbehaltsfilm. Auf mich jedenfalls wirkt er nicht gefährlich.“

Frankfurter Rundschau 16.10.2010

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