"Ich war der Platzhirsch"

Rolf Töpperwien
Rolf Töpperwien (Privat)

Fußball-Reporter Rolf Töpperwien verabschiedet sich in den Vorruhestand. Im Interview erläutert er, warum. Und spricht über VIP-Logen, schwere Aussetzer und Otto Rehhagel.

Herr Töpperwien, bei Ihnen hatte man immer den Eindruck: Der legt erst das Mikrofon aus der Hand, wenn er auf der Bahre vom Platz getragen wird. Und jetzt werden Sie Frührentner. Wollte das ZDF Sie nicht mehr?

Quatsch. Dann hätte ich es erst recht nicht gemacht. Aber in meinem Leben gibt es seit der Geburt meines Sohnes Louis zum ersten Mal etwas, das mir wichtiger ist als der Fußball.

Und warum machen Sie gerade jetzt Schluss – mitten in der Saison?

Ich höre genau am 26. September auf, meinem 60. Geburtstag. Am Samstagabend übertrage ich als geborenes „Nordlicht“ noch einmal das Top-Spiel Werder gegen den HSV, am Sonntag dann die große Abschieds- und Geburtstagsfeier. Besser geht’s doch gar nicht!

Pünktlich zum Karriere-Abpfiff bringen Sie Ihre Autobiografie heraus. Da hoffen viele auf Enthüllungen und pikante Geschichten aus der „dritten Halbzeit“ nach den Spielen. Was können wir da erwarten?

Ich will den Lesern einen Blick hinter die Kulissen ermöglichen und erklären, wie manch legendäre Geschichte zustande gekommen ist. Etwa der Aprilscherz mit Elton John. Der hatte gerade in England den FC Watford übernommen. Durch meine Kontakte zu dem Konzertmanager Fritz Rau konnte ich Elton John nach einem Konzertauftritt zu der Aussage bewegen: „Ich kaufe Gladbach.“ Nachdem das im Aktuellen Sportstudio gelaufen war, standen der DFB und ganz Mönchengladbach Kopf. Aber mir geht es nicht darum, dreckige Wäsche zu waschen oder für Zündstoff zu sorgen. Dafür hatte ich eine zu schöne Zeit.

Weniger schön waren die zwei Geschichten, mit denen Sie selbst in die Medien geraten sind – einmal ging es um eine Bordell-Rechnung, im anderen Fall um Kokain, Stroh-Rum und eine mysteriöse Selbstentzündung. Sie schreiben in Ihrem Buch relativ offen darüber. Hatten Sie keine Bedenken, das wieder aufzuwühlen?

Ich kann das nun mal nicht ausblenden und bekenne mich zu meinen Fehlern. Ich habe 37 Jahre lang beim Fernsehen gearbeitet und hatte in dieser Zeit zwei schwere Aussetzer – dazu muss man stehen.

Sie haben Vereinsfeiern moderiert und Eintracht Frankfurt und Werder Bremen haben Sie sogar Trikot-Sponsoren vermittelt. Wie ist das mit der Arbeit eines Journalisten zu vereinbaren?

Immer die gleiche Frage! Ich habe 37 Jahre lang bewiesen, dass ich die Nähe nicht zu unkritischem Journalismus genutzt habe. Mir ist es nie schwer gefallen, am Samstagabend bei einem Spieler auf der Geburtstagsfeier zu sein und ihn nach dem nächsten Spiel auf einen gravierenden Fehler anzusprechen. Oder die Sache mit Eintracht-Präsident Matthias Ohms. Nachdem ich den Kontakt mit Tetra-Pak als neuem Sponsor hergestellt hatte, zückte er weltmännisch sein Scheckbuch. Doch ich lehnte ab. Seitdem waren wir per du. Das hinderte mich aber nicht daran, als einer der ersten über die wilden Partys zu berichten, die ihn dann sein Amt gekostet haben.

Seit Sie in den 70ern als Reporter angefangen haben, hat sich im Fußball einiges getan, vor allem beim Drumherum. Gefällt Ihnen, was Sie da sehen?

Nein. Je mehr Geld im Spiel ist, desto unmenschlicher und unpersönlicher wird es. Fußball ist für mich: Nass werden, ne Bratwurst und ne Bierdose in der Hand. Wenn jemand eine Geschäftsbesprechung hat, soll er die lieber im Opern-Café abhalten als im Stadion hinter einer Glasscheibe in einer sogenannten VIP-Loge.

Welche Auswirkungen haben diese Veränderungen auf Ihre Arbeit?

Mit dem Privatfernsehen hat sich die Situation radikal geändert. Ich habe bis zu zehn Jahre gebraucht, um mir Vertrauen zu erarbeiten, etwa bei Otto Rehhagel. Am Spielfeldrand war ich der Platzhirsch. Doch plötzlich haben sich Leute von Premiere oder Sky dazwischengeschmissen, wenn ich ein Interview führen wollte - und sich anschließend bei meinem Sender beschwert, ich würde mich vordrängeln. Aber ich habe immer gekämpft und nie aufgegeben, auch wenn die Arbeitsbedingungen immer schwieriger geworden sind.

Haben Sie mal dran gedacht, selbst zu den Privaten zu wechseln?

Ich hatte mehrere Angebote. Unter anderem hätte ich gleich bei der Gründung Sportchef von Premiere werden können. Aber dann habe ich gesagt: Ich will bloß Chefreporter werden. Das haben die nicht verstanden. Ich bin einfach kein Schreibtischtäter. Mein Vorbild ist Harry Valerien: Der hat mal gesagt: „Ich will keine Dienstreiseanträge unterschreiben, ich will nach Val d“Isere.“ Ich hatte ein Riesenglück beim ZDF. Die haben, seit ich da bin, die Bundesliga-Rechte. Und da, wo die Bundesliga ist, bin ich auch!

Der Beruf hat Sie 1976 nach Wiesbaden gezogen. Werden Sie auch nach der Pensionierung hier bleiben?

Ja, natürlich. Wir haben vor vier Jahren unser Traumdomizil gefunden, ruhig, mit direktem Blick auf den Kurpark. Hier werde ich nie wieder wegziehen.

Was schätzen Sie an Wiesbaden?

Wiesbaden ist eine wirklich wunderbare Stadt. Nicht zu klein, nicht zu groß, chic und mit tollen Menschen. Wir haben unglaublich viele Freunde gewonnen – vom Oberbürgermeister bis zum Parkwächter am Kurhaus. Mit fehlt es hier an nichts. Hier gibt es sogar einen Niedersachsen-Stammtisch, den ich leite. Denn meine Heimat bleibt nun mal Osterode am Harz.

Auch im Fußball sind Sie heimatverbunden. Als bekennender Eintracht-Braunschweig-Fan: Welche Mannschaft im Rhein-Main-Gebiet ist Ihnen am sympathischsten?

Ich sympathisiere mit allen Vereinen.

Na kommen Sie!

Nein wirklich. Ich habe dolle Pokalspiele in Offenbach übertragen, aber auch dolle Eintracht-Spiele. Oder Darmstadt 98. Die hatten ein enthusiastisches Publikum. Die wildesten waren aber immer in Offenbach. Beim Gang in die Pause haben die die Schiris regelmäßig mit Bier überschüttet.

Und Wehen Wiesbaden?

Na ja. Das ist eben der SV Wehen/Schrägstrich Wiesbaden. Wiesbaden hat so viele Qualitäten: Oper, Schauspiel und Spielcasino. Aber Wiesbaden ist keine Fußballstadt. Obwohl ich die Anstrengungen, vor allem des neuen Geschäftsführer Wolfgang Gräf, sehr honoriere.

Und wie geht es mit Ihnen jetzt weiter? Tauchen Sie demnächst bei einem anderen Sender auf?

Nein, beruflich habe ich keine Ambitionen mehr. Und auch aus finanziellen Gründen brauche ich keinen Auftrag mehr anzunehmen. Aber ich bin kein Rentner oder Pensionär, sondern Privatier. Darauf lege ich Wert. Alles, was mir das Finanzamt gelassen hat, habe ich gespart. Und das kann ich jetzt in Ruhe ausgeben.

Frankfurter Rundschau 14.9.2010

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